Sonntag, 27. November 2011

Typisch

von T.N.T.



Du sitzt in dieser Ecke, neben dir der Kerl mit der Cola und um dich herum die dröhnende Musik, die zum tanzen einladen soll. Die Unterhaltung mit ihm ist anfangs okay, wird aber zunehmend ein wenig depressiv für einen Abend, bei dem man sich eigentlich öffentlich mit Alkohol zur Schlachtbank führen lassen möchte, um sich am nächsten Tag an nichts mehr zu erinnern – was auch besser ist, da man sich unsäglich blamiert hat. Nix da. Geendet hat man bei dem Colajungen, am Tisch mit lauter Leuten, die alkoholisiert in die Musik einstimmen und dabei keinen einzigen Ton treffen. Die einzige Gemeinsamkeit, die Mr. Cola mit dir hat, sind die Schlüssel, die uns für diesen Abend zu 0 Promille verurteilt haben. Somit wirst du zu Miss Cola degradiert. Realistisch betrachtet ist somit der Abend schon im Ansatz zum scheitern verurteilt. Man verspricht der Freundin auf sie acht zu geben, wenn sie ein wenig zu tief ins Glas schauen sollte und akzeptiert auch die Tatsache, dass die Hemmschwelle, die irgendwann auf Nimmerwiedersehen den Bach runter gegangen wäre, dir die ganze Zeit vor Augen führt, wie nüchtern und gelangweilt du bist. An diesem unvermeidlichen Desaster ist jedoch nicht das mangelnde Ethanol schuld. Es liegt viel mehr daran, dass die beste Freundin ihre Drohung tatsächlich wahr macht und sich in den ersten Stunden des Abends so abschießen muss, dass sie schwankend von einem Fremden zum nächsten torkelt und irgendwann fast bewusstlos auf einem Stuhl zusammen bricht. Man tut was man kann und rät ihr von dem nächsten Gin Tonic ab, doch sie ist erwachsen und du kein Babysitter. Zusätzlich lässt dich ihr Egoismus fast zum überkochen bringen, denn als sie auf die Tanzfläche geht, lässt sie die Handtasche in dem Bewusstsein neben dir zurück, dass du darauf aufpassen wirst. Ganz selbstverständlich, wieso sollte Miss Cola auch tanzen gehen wollen? Zurückgelassen wird man also mit dem alkohollosen Freund, der über seine Exfreundin zu jammern beginnt und irgendeinem lallenden Etwas, das man davon abhalten muss, dich anzugrabschnen. Kann dieser Abend noch schlimmer werden? Ja, das geht. Natürlich hat deine soziopathische Freundin - mal wieder - den einzigen, gut aussehenden Tänzer abbekommen, der zufälligerweise nicht wusste, wie er nach Hause kommen soll und dem aufopfernd von ihr versprochen wird, dass dieses ‚kleine Problem’ schon geregelt wird. Manch einer würde jetzt einen blinden Wutanfall kriegen und eine Szene machen, doch ich nehme es zähneknirschend hin und schwöre mir still und leise, dass dies nie wieder passieren wird.

Und wieder einmal ist es für mich bewiesen: nett und höflich zu sein bringt dich verdammt noch mal in dieser Gesellschaft nicht weiter. Sobald du Schwäche zeigst, wittern die Haie dein Blut und du bist ihnen auf Sinn und Verstand ausgeliefert. Einmal im Pool der kleinen Fische dauert es lange bist du wächst und groß genug bist, damit die Raubtiere wieder von dir ablassen. Gut zu sein wird dementsprechend einfach überbewertet. Das hat unser Freund Brecht schon beim guten Menschen von Sezuan versucht mitzuteilen und seine Shen Te wird also zu einem Symbol des normalen Durschnittsmenschen. Man eifert ihr mit Freuden und Erleichterung nach und bastelt sich die Maske in der Überzeugung, dass es nur so funktionieren kann.



Ps: Einfach melden, erkläre mich dazu bereit dich nach einer Party nach Hause zu fahren!

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